Es war einmal ein Weihnachtsmann. Der hatte alle Hände voll zu tun, weil er für das Ausliefern aller Weihnachtspäckchen im gesamten Chiemgau zuständig war. Auch wenn er immer sehr viel zu tun hatte, liebte er seine Arbeit über alles. Vor allem weil er es herrlich fand mit seinem Schlitten über die verschneite Eggstätt-Hemhofer-Seenplatte zu fliegen. Luftmatratzen auf den Seen waren zwar verboten, jedoch hatte der Weihnachtsmann für seinen Weihnachtsschlitten eine Sonderfluggenehmigung. Es war ein so traumhaftes Naturschutzgebiet mit unglaublichen vielen Facetten. Uralte prunkvolle Bäume gab es dort und viele seltene, wunderbare Tierarten. Manchmal flog neben dem Schlitten des Weihnachtsmanns quakend ein Schwarm grauer Wildgänse her, die ihre geliebte, wunderschöne Heimat selbst im kalten Winter nicht verlassen wollten. Oder ein paar Rehlein hüpften verspielt durch den glitzernden Tiefschnee und grüßen röhre
nd ihre Artgenossen, die vor den Weihnachtsschlitten gespannt waren. Hin und wieder parkte der Weihnachtsmann seinen Schlitten neben einer Schneewolke und schaute den Menschen von oben beim Schlittschuhlaufen auf dem tiefblauen Langbürgner See zu oder er feuerte heimlich die Langläufer an, die über traumhafte Loipen rund um den See ihre Spuren zogen. Dazu roch es in der ganzen Umgebung nach frisch gebackenen Plätzchen und Kuchen und der Weihnachtsmann bekam jedes Mal einen Bärenhunger. Aber wie jedes Jahr war er auf Diät und musste der Versuchung natürlich widerstehen. Trotzdem: In diesen Momenten war der Weihnachtsmann rundum Glücklich und vergaß für einige Momente das stressige Weihnachtsgeschäft und seinen mit Geschenken vollbeladenen Schlitten.
Doch in diesem Winter war alles anders. Der Weihnachtsmann war gerade wieder auf dem Weg über die Eggstätt-Hemhofer-Seenplatte als er stutzig über dem Langbürgner See stehen blieb. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es waren weit und breit keine Menschen auf dem See zu sehen. Weder die Wildgänse noch die Rehlein begrüßten den Weihnachtsmann noch seine vierhufigen Freunde, denn es waren weit und breit keine Tiere zu sehen. Beim genaueren Betrachten der verschneiten Landschaft fiel dem Weihnachtsmann auf, dass der sonst glitzernde, weißleuchtende Schnee eine bräunliche Farbe angenommen hatte und gar nicht mehr so weihnachtlich aussah wie sonst. „Seltsam…“ dachte er so bei sich und flog ein Stück weiter über den See. Dabei fiel im auf, dass das sonst so tiefblaue Eis des Langbürgner Sees gar nicht mehr so tiefblau war. Auch das Wasser hatte eine eher bräunliche Farbe angenommen und die Eisschicht war voller Risse, so dass die Menschen gar nicht darauf Schlittschuh fahren hätten können.
Während der Weihnachtsmann ratlos über dem See schwebte wurden plötzlich seine Rentiere unruhig. „Hooo!!“ versuchte er sie zu beruhigen. Da fiel ihm der unangenehme Geruch auf, der in der Luft lag. Es roch nicht nach Lebkuchen und frischen Plätzchen wie sonst. Es roch anders. Furchtbar! Es stank sogar bestialisch und der Weihnachtsmann trieb seine Rentiere voran, um aus dem Gestank herauszukommen. Er preschte über den See Richtung Breitbrunn, aber der Gestank wurde immer schlimmer. Auch wurde es immer heller und er vernahm er ein stetig lauter werdendes Geräusch, das seine Rentiere scheuen ließ. Es klang wie eine Flugzeugturbine und der Weihnachtsmann hielt sich gequält die Ohren zu. Mit einer Vollbremsung blieben seine Rentiere plötzlich stehen und beinahe wäre der Weihnachtsmann vornüber vom Schlitten gepurzelt. Seine Zugtiere schnaubten mit weit aufgerissenen Augen! Vor ihnen, mitten in der verschneiten, beschaulichen Landschaft, ragte eine riesengroße Industrieanlage in die Luft. Es brummte, zischte und rauchte. Zig LKWs donnerten durch den doch so beschaulichen und ruhigen Landstrich, Arbeiter liefen hektisch hin und her und es war, obwohl die Sonne schon am untergehen war, taghell in der gesamten Umgebung. „Was…zum Geier…“ der Weihnachtsmann saß mit offenen Mund in seinem Schlitten und konnte es nicht glauben. „Was ist das denn?“ Die Blumenwiese direkt neben dem See war keine mehr. Eine riesen große Betonfläche war gebaut worden. Unzählige Container, Rohre, Leitungen, Flutscheinwerfer, Wassergräben, eine riesen Gasflamme, Stromleitungen und mitten drin, ein 30 Meter hoher Bohrturm verunstalteten nun die Landschaft. Die verschneite Gegend rund um den Bohrplatz war braun und matschig. Es gab keine Loipen mehr, keine Pulverschneewiesen auch die Wildgänse, Rehe und andere wertvolle Tierarten hatten das Weite gesucht und waren aus der Gegend verschwunden. Stattdessen war es laut, rauchig und stank nach Gas. „Sieht aus wie eine Erdgasbohrung…“ murmelte der immer noch geschockte Weihnachtsmann. „Das darf doch nicht wahr sein…mitten hier in der Landschaft neben dem Naturschutzgebiet und in einer so schönen, naturverbundenen Gemeinde…“ der Weihnachtsmann saß minutenlang regungslos in seiner Kutsche und starrte auf das Industriegebiet.
Erschüttert und traurig spornte der Weihnachtsmann seine Tiere an und drehte langsam ab. Während er nachdenklich langsam zum nächsten Dorf Zell fuhr, erblickte er am Straßenrand ein kleines Mädchen, was traurig auf einem Schlitten saß. „Hooo…“ hielt der Weihnachtsmann seine pelzigen Freunde an und landete neben dem Mädchen. „Hallo“ sagt der Weihnachtsmann. Das Mädchen blickte den Weihnachtsmann mit großen, traurigen Augen an „Hallo…“ schluchzte es. „Wer bist du?“ fragte der Weihnachtsmann. „Ich heiße Conny.“ erwiderte das Mädchen. „Conny…? Ahhhh…wie gut, dass ich dich hier treffe.“ sagte der Weihnachtsmann. „Ich habe nämlich Geschenke für dich dabei!“ Das Mädchen blickte den Weihnachtsmann weiter mit traurigen Augen an. Der Weihnachtsmann verschwand kurz hinter seinem Schlitten und kam mit zwei großen Paketen wieder hervor. „Da, die sind alle für dich!“ Das Kind schaute den Weihnachtsmann fragend an. „Was ist das?“ fragte es. „Naja, das was du dir vor einiger Zeit von mir gewünscht hast. Das super große Puppenhaus und ein extra kuscheliger Teddy!“ Das Mädchen starrte teilnahmslos die Geschenke an. „Willst du sie denn nicht auspacken und damit spielen?“ fragte der Weihnachtsmann. „Nein…“ weinte das Mädchen. „Aber…“ der Weihnachtsmann stand ratlos vor dem weinenden Mädchen. „Aber was hast du denn? Sind es nicht die richtigen Geschenke? Manchmal bringe ich was durcheinander und…“ „Doch…eigentlich schon. Das hatte ich mir gewünscht.“ unterbrach ihn das Mädchen „Aber…?“ fragte der Weihnachtsmann. „Jetzt würde ich mir was anderes wünschen.“ „Und was?“ fragte der Weihnachtsmann. „Ich habe Durst.“ sagte das Mädchen. „Dann trink doch was“ meinte der Weihnachtsmann. „Meine Mami hat aber gesagt, dass ich kein Wasser mehr aus der Leitung trinken darf, weil es verseucht ist.“ jammerte das Mädchen. „Und ich will wieder in unserem See baden gehen können. Ich will wieder mit meinem Schlitten den Berg hier runterfahren und Schlittschuhlaufen und Wildgänse, Hasen und Rehlein sehen!“ Das Mädchen brach in Tränen aus. Der Weihnachtsmann stand unglücklich neben dem kleinen Mädchen und wusste nicht so recht was er sagen sollte. „Aber…aber was ist denn hier nur passiert?“ erkundigte sich der Weihnachtsmann nachdenklich. „Sie haben alles zerstört!“ schrie das Mädchen. „Alles! Wir haben kein sauberes Wasser mehr, den Tieren ist es zu laut und schmutzig hier und im See kann man nicht mehr baden, weil er verseucht ist! Und Janosch und Tim aus Hamburg kommen uns im Sommer auch nicht mehr besuchen!“ das kleine Kind sackte jämmerlich zusammen und weinte bitterlich. „Und ich….ich habe mir ein doofes Puppenhaus und einen Teddy gewünscht!“
Der Weihnachtsmann nahm das Mädchen in den Arm und drückte es fest.
Da kam der kleine Ingo die Straße entlang und sah den Weihnachtsmann und Conny. „Hallo“ sagte Ingo. „Wer bist du?“ fragte der Weihnachtsmann.“Ich bin Ingo.“ „Ingo! Ich hab dein Geschenk dabei.“ Aufgeregt kramte der Weihnachtsmann in seinem Schlitten rum und zückte ein kleines Geschenk. „Das hast du dir gewünscht. Das neue iphone!“ Ingo nahm das Päckchen bedrückt entgegen. „Freust du dich denn gar nicht?“ fragte der Weihnachtsmann. „Hm…eigentlich nicht.“ sagte Ingo. „Aber warum denn nicht?“ „Hast du mal gesehen wie es hier aussieht? Sie haben unser Zuhause kaputt gemacht, unseren See, unsere Natur…“ Ingo schmiss das Päckchen auf den Boden und fing ebenfalls an zu weinen. Nach und nach kamen immer mehr Kinder mit ihren Eltern und Freunden aus dem Dorf zum Weihnachtsmann und alle weinten über die unglückliche Situation.
„Jetzt reicht´s“ sagte der Weihnachtsmann laut und alle Leute verstummten. „Es ist so…“ sagte er. „Einmal im Leben eines jeden Weihnachtsmannes hat er einen Wunsch frei. Egal was. Dieser eine
Wunsch geht in Erfüllung.“ sagte er feierlich. Die Leute schauten den Weihnachtsmann mit großen Augen an. „Ich bin schon recht alt.“ fuhr er fort. „Mein ganzes Leben lang habe ich den Kindern auf dieser Welt ihre Wünsche erfüllt ohne meinen eigenen freien Wunsch einzulösen. Ich denke, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, meinen Wunsch auszusprechen.“ Es war ganz still im Dorf geworden und die Menschen lauschten aufmerksam dem Weihnachtsmann. „Ich wünsche mir…“ sagte er klar und deutlich „dass es diese Bohrung hier und an keiner anderen Stelle um den See jemals gab und geben wird.“ Stille. Niemand traute sich etwas zu sagen. Selbst der Weihnachtsmann stand wie angewurzelt da und sagte keinen Ton mehr. Nichts geschah. Ob er beim Wünschen irgendetwas falsch gemacht hatte?
Plötzlich fing es leise an zu schneien. Aber es war keine normalen Schneeflocken! Es waren kleine glitzernde Sterne! Sie tanzten durch die Luft wie Federn! Immer mehr und mehr fielen vom Himmel herunter auf den Bohrplatz und wirbelten umher. So viele, dass schon bald die komplette Baustelle nicht mehr zu sehen war. Die Menschen standen regungslos mit offenen Mündern da und schauten auf die Bohrstelle. Dann gab es einen lauten Knall und alle zuckten kurz zusammen. War etwa die Bohrstelle explodiert? Nein! An der Stelle, an der vorher der hässliche Turm, die Container, die LKWs, die Flamme, die Gräben, Scheinwerfer und Stromleitungen gewesen waren, war sie wieder da: Die wunderschöne Blumenwiese von einst. Nichts deutete mehr auf die grauenhaften Ereignisse von vor einigen Sekunden hin. Der Schnee rund um den Platz war wieder weiß und eine Rehfamilie hoppelte umgehend zu der Blumenwiese, um noch ein oder zwei Grashalme zu ergattern, bevor die Grasfläche wieder eingeschneit war. Die Menschen aus der Gemeinde konnten es nicht fassen. Er hatte es wirklich geschafft! Der Weihnachtsmann hatte ihre Heimat, ihre Natur und den See gerettet! Alle fingen an zu jubeln, zu lachen und zu klatschen! Sie lagen sich heulend vor Glück in den Armen und feierten Weihnachten wie nie zuvor!
Als der Weihnachtsmann wieder auf seinen Schlitten stieg, weil er ja noch so viel Päckchen auszutragen hatte, bedankten sich die Menschen bei ihm. Er lächelte und sagte: “Wenn ich in eure lachenden Gesichter schaue, dann weiss ich, dass ich meinen Wunsch für den richtigen Moment aufgehoben habe. Bis ganz bald“ sagte er und flog mit seinem Schlitten davon.
Und es dauerte wirklich nicht lange, da besuchte er die Menschen aus der Gemeinde Breitbrunn, um mit ihnen auf dem Langbürgner See Schlittschuh zu laufen, Plätzchen zu backen und im Sommer mit den Einheimischen und den Gästen aus aller Welt in einem sauberen und gesunden See baden zu gehen.
Und die Moral von der Geschicht´: Diesen Bohrturm wollen wir nicht!
Text und Bilder: Pia Steen