Pferde sind ja recht eigene Tierchen. Nicht, dass sie einem hin und wieder liebevoll einen Freiflug durch die Landschaft spendieren oder aus dem gestreckten Galopp eine Vollbremsung hinlegen, was zum gleichen Ergebnis führt; sie sind auch totale Egoisten. Auf der einen Seite machen sie einen auf Herdentier und sozialen Kontakt, fangen das Heulen an, wenn der Boxennachbar mal Gassi geführt wird, aber in Wirklichkeit denken sie nur an sich.
Man stelle sich zwei Pferde vor. Nennen wir sie Pferd 1 und Pferd 2. Pferd 1 geht artig beim Ausreiten vorne weg, während Pferd 2 hinterher trottet. Plötzlich bleib Pferd 1 stehen, weil es ein böses Ding in Form eines verfaulten Baumstupfs sieht. Pferd 1 schnauft, regt sich auf, hat die Hosen voll, während Pferd 2 zwar auch guckt, aber wesentlich gelassener ist. Pferd 1 überwindet seine Angst und huscht schnell an dem bösen Pferdefresser vorbei, währen Pferd 2 wiederrum, fast schon lächelnd und den Kopf arrogant schüttelnd, vorbeilatscht. Bei genauerem Hinhören kann der Reiter sogar ein leises »Äääätsch« von Pferd 2 hören. Dabei hätte Pferd 2 mindestens die Hosen genauso voll wie Pferd 1, wenn es als erstes an dem pferdefressenden Baumstumpf vorbeigehen müsste.
Solange aber Pferd 1 voraus geht und nicht gefressen wird, ist alles in Ordnung. Selbst wenn Pferd 1 tatsächlich von dem böse drein guckenden Baumstumpf gefressen werden würde (soll in gewissen Teilen der bayerischen Wälder immer wieder vorkommen), würde Pferd 2 ebenfalls in aller Seelenruhe dran vorbei gehen, weil das böse Ding ja bereits Pferd 1 verschlungen hätte und sicher nicht mehr hungrig wäre. Das hat zur Folge, dass Pferd 1 eigentlich immer alt aussieht. Zumindest älter als Pferd 2…